Arbeit mit dem SiLK – SicherheitsLeitfaden Kulturgut




Das gehört uns allen! Diebstahlschutz in Sammlungseinrichtungen

Museen, Archive und Bibliotheken haben die Aufgabe, das kulturelle Erbe für nachfolgende Generationen zu bewahren. Die Sammlungen gehören – mit Ausnahme privater Kollektionen – der gesamten Gesellschaft und damit jedem Einzelnen. Die kulturellen Einrichtungen sind also Treuhänder der ihnen anvertrauten Sammlungen.

Vermisst! Neun ungelöste Fälle
(Sondermann, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, 17.11.2020)

Grünes Gewölbe – Polizei vermutet vier Täter bei Juwelenraub
(Zweites Deutsches Fernsehen, 27.11.2019)

Goldmünzen-Prozess: Drei Haftstrafen und ein Freispruch
(Lipkowski, Süddeutsche Zeitung GmbH, 25.02.2020)

Vor dem Hintergrund spektakulärer Einbrüche in bedeutende Museen in der jüngsten Vergangenheit und der daraus folgenden Debatte in Fachwelt und Öffentlichkeit ist die Relevanz der Aufgabe, Objekte vor Entwendung zu schützen, weiter verdeutlicht worden. Abgesehen vom Verlust meist unwiederbringlicher Objekte, erleidet die betroffene Einrichtung einen Imageschaden und das Vertrauen von Leihgebern und Sammlern wird gestört. Doch wie kann es gelingen, die Objekte effektiv vor Diebstahl zu schützen?

Zunächst ist es notwendig, sich bewusst zu machen, welche Formen des Diebstahls auftreten können, um anschließend für die Einrichtung maßgeschneiderte Maßnahmen zu ergreifen. Hier ist zwischen:

zu unterscheiden.

Einbruchdiebstahl

Beim Einbruchdiebstahl steht ein redundantes Sicherungssystem im Fokus, das von außen nach innen wirkt. Potenziellen Tätern werden dabei eine Reihe von Barrieren in den Weg gestellt, die sie überwinden müssen, um überhaupt in die Nähe der Beute zu gelangen. Diese Hürden dienen dazu, den oder die Täter möglichst lange aufzuhalten, also den Widerstandszeitwert so weit zu erhöhen, dass ausreichend Zeit für die Alarmierung und das Eintreffen der Polizei bleibt. Nur dann kann der Diebstahl verhindert und die Täter können im besten Fall gefasst werden. Dieses „Zwiebelschalenprinzip“ beginnt nach Möglichkeit mit einer Einzäunung oder anderen Art der Einfriedung des Geländes, auf dem sich die Einrichtung befindet. Dahinter dient eine Vorfeldüberwachung dazu, verdächtige Bewegungen vor dem Gebäude wahrzunehmen. Die Fassade ist von möglichen „Aufstieghilfen„, wie Regenrohren, Rankgittern, Feuerleitern und Baugerüsten, freizuhalten bzw. sind diese gegen Missbrauch zu sichern. Mechanische und elektronische Sicherungen an (möglichst widerstandsfähigen) Fenstern und Türen (Vergitterungen, Glasbruchmelder etc.) sollen ein Eindringen verhindern oder lange aufhalten und die Versuche sofort detektieren. Eine Videoüberwachung in den Räumen soll dem Wachpersonal unbefugtes Eindringen anzeigen. Gemälde sind diebstahlsicher an der Wand zu montieren, Vitrinen und Schränke sind mit durchbruchhemmendem Glas auszustatten und Objekte in Vitrinen zusätzlich mit Nylonschnüren o.ä. zu befestigen.

Raub

Ein Raubüberfall ist ein Einbruch, der mit Gewalt oder deren Androhung gegen Menschen verbunden ist.

Diebstahl während der Öffnungszeiten durch Besucher

Während der Öffnungszeiten können Besucher und Nutzer Museen, Archive und Bibliotheken besuchen. Das Gleiche gilt auch für Diebe, die diese Zugänglichkeit für ihre geplante Straftat ausnutzen können. Hinzu kommen Besucher, die die Gelegenheit eines unbeobachteten Moments und eines leicht zugänglichen Objekts ausnutzen, um sich – oft spontan und ungeplant – ein „Souvenir“ anzueignen. Für diese Formen des Diebstahls kommt dem Aufsichtspersonal eine zentrale Bedeutung zu. Gibt es genügend Aufsichtskräfte, um alle Ausstellungsräume abzudecken? Gibt es uneinsehbare Bereiche in den Ausstellungen? Halten sich zu viele Besucher in den Räumen auf? Sind die Aufsichten zu verdächtigem Verhalten von Besuchern geschult? In Archiven und Bibliotheken sind Regelungen für die Nutzung des schriftlichen Kulturguts aufzustellen, zu kommunizieren und deren Einhaltung durchzusetzen. Eine Videoüberwachung ist in vielen Einrichtungen sinnvoll, muss aber mit Datenschutzvorgaben in Einklang gebracht werden.

internem Diebstahl

Eine besonders schwierig zu handhabende Form des Diebstahls ist der interne Diebstahl durch Mitarbeiter der Einrichtung. Hierzu zählen neben den Festangestellten auch Honorarkräfte, Praktikanten und Ehrenamtliche. Hier kann nicht allein auf Vertrauen gesetzt werden. Organisatorische Regelungen, wie der geregelte Zugang zu Depots und Magazinen, sowie Festlegungen von Zutrittsberechtigungen und Schlüsselverwendung müssen die Gelegenheiten zu unentdeckten Diebstählen reduzieren. Eine regelmäßige Inventur kann fehlende Stücke aufzeigen und hat abschreckende Wirkung. Voraussetzung ist die vollständige Inventarisierung der Sammlung.

Zu den genannten Personengruppen kommen noch Dienstleister hinzu, die ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen, um in der Einrichtung tätig zu werden, und Handwerker, die bei ihrer Arbeit in sensiblen Bereichen zu begleiten sind.

Der Markt für Sicherheitstechnik bietet inzwischen vielfältige mechanische und elektronische Maßnahmen an, die die Sammlungseinrichtungen bei ihrem Schutzziel unterstützen. All diese Maßnahmen nützen jedoch nur bedingt, wenn sie nicht gleichzeitig mit organisatorischen Maßnahmen verknüpft sind. Was nützt z. B. die Aufzeichnung der Videokamera, wenn niemand die gefilmte Tat sieht und einen Alarm auslöst? Natürlich können die Aufzeichnungen nachträglich zur Rekonstruktion der Tat und für die Fahndung nach den Tätern genutzt werden, die Tat verhindern können sie jedoch nicht. Weitere Beispiele für organisatorischen Diebstahlschutz sind ein detailliertes Schlüsselmanagement oder die Vorgabe für Besucher, Mäntel und Taschen an der Garderobe abzugeben oder in Schließfächer einzuschließen.

Da bei der Entdeckung eines laufenden Diebstahls oder Einbruchs schnelles Handeln unabdingbar ist, sind alle eigenen Mitarbeiter und auch Mitarbeiter von externen Dienstleistern zu schulen, wie in einem entsprechenden Fall richtig und angemessen zu reagieren ist. Gleichzeitig ist stets darauf zu achten, dass sich niemand selbst in Gefahr bringt.

Alle getroffenen Maßnahmen sind regelmäßig auf ihre Wirksamkeit und Aktualität hin zu überprüfen und – sollten sie nicht mehr ausreichend sein – umgehend anzupassen.

Allen, die herausfinden möchten, wie es um den Diebstahlschutz in ihrer Einrichtung bestellt ist, sei der Fragebogen „Diebstahl“ des SiLK – SicherheitsLeitfadens Kulturgut empfohlen. Nach Beantwortung der Fragen erhält der Nutzer direkt eine Auswertung nach dem Ampelsystem, die ihm sofort Schwachstellen aufzeigt. Gleichzeitig werden Handlungsanweisungen und Kompensationsmaßnahmen angeboten, die zur Behebung der Defizite umgesetzt werden können. Um sich erst einmal in das komplexe Thema „Diebstahl“ einzuarbeiten, bietet SiLK einen übersichtlichen Einführungstext als Überblick. Weiterführende Informationen und Literaturangaben finden sich im Wissenspool.

Bei der Umsetzung von Maßnahmen zum Diebstahlschutz ist unbedingt zu beachten, dass diese in Konkurrenz zu Maßnahmen des Brandschutzes stehen können. Um hier eine Gefährdung von Menschenleben zu verhindern, sollte bei der Beschäftigung mit „Diebstahl“ auch das SiLK-Kapitel „Brand“ bearbeitet werden. Ergänzend sei zu erwähnen, dass viele Maßnahmen zum Diebstahlschutz auch im Fall von „Vandalismus“ greifen. Siehe hierzu ebenfalls das entsprechende SiLK-Kapitel.





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