Stahl: Lade- und Löschüberwachung in nordeuropäischen Häfen

Vortrag von Herrn Kap. Peter Aniol, ö. b. u. v. Sachverständiger


Meine sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst mein Dank an die Veranstalter, dass ich hier und jetzt zu dem Thema "Lade- und Löschüberwachung von Stahl in nordeuropäischen Häfen" referieren darf und ebenfalls danke an Sie für Ihre Bereitschaft, mir zuzuhören.

In Sachen Laden und Löschen in Übersee haben Sie ja bereits einiges von meinen Vorrednern gehört.

Wodurch unterscheiden sich denn nun aber die Hafenverhältnisse in Nordeuropa von denen anderswo auf der Welt?

Von vielen Häfen in Fernost haben Sie erfahren, dass dort alles etwas ruhiger abläuft und länger dauert. Auch Lagerungen dauern länger – viel länger. Ebenfalls in Mittelamerika hat man die Ruhe weg.

In den Industriestaaten, also zum Beispiel hier in Nordeuropa, hingegen, da kann alles nicht schnell genug gehen. So auch in den Häfen. Und daraus resultiert schon das erste Problem.

Wenn ein Platz im Hafen bestimmt ist, an dem ausschließlich Stahl und Stahlprodukte umgeschlagen werden, dann taucht das Problem nur untergeordnet auf, ist es aber ein Hafen mit wechselnder Platzbelegung, dann muss vor der Lagerung von Stahl – egal ob er verschifft oder angelandet werden soll – geklärt werden, ob die Güter, die vorher den nämlichen Platz belegt hatten, sich mit Stahl vertragen. Auch die gelagerten Güter in der Umgebung sollte der Inspekteur in Augenschein nehmen. Immer wieder wird die für den Stahl sehr nachteilige Berührung mit z. B. Düngemitteln zitiert. Zu Recht! Denn Düngemitteln enthalten vielfach Salze, die verstärkte Rostbildung bedeuten, wenn sie vom Wind auf den Stahl getragen werden. In Verbindung mit Luftfeuchtigkeit oder Niederschlägen entstehen so für Stahl aggressive Substanzen.

Also sind bei der Auswahl eines für Stahl zuträglichen Lagerplatzes auch die Lagerplätze in der Umgebung von Interesse, genauso wie die Hauptwindrichtung und die generelle Witterung.

Unbefestigter Untergrund nahe dem Stahllager ist als nachteilig zu bewerten. Besonders bei trockenem Wetter werden häufig Staub und Schmutz mit wer weiß was für Bestandteilen aufgewirbelt. Das kann zu sehr interessanten Mischungen von schädigenden Substanzen für den Stahl führen.

Vogelmist ist im Übrigen auch nicht sehr zuträglich für Stahloberflächen und sogar Öl, Fett oder Farbe können als unzulässige Verschmutzung gewertet werden und somit zu Reklamationen führen.

Wie Sie bereits gehört haben bzw. noch hören werden, sind es die kaltgewalzten Stahlprodukte, die besonders empfindlich gegen Rost und natürlich auch gegen mechanische Beschädigungen sind. Sie sind endgültig formatiert und ihre weitere – maschinelle – Verarbeitung steht in Frage, wenn sie nicht maßhaltig oder korrodiert sind.

Grobbleche, Brammen und warmgewalzte Erzeugnisse stellen eine Zwischenstufe dar. Für derartige Stahlerzeugnisse gelten geringfügig entschärfte Schadensgrenzen, also auch gewisse Erleichterungen oder großzügigere Bedingungen für Umschlag und Stau.

Über die Eignungsprüfung von Schiffen möchte ich jetzt nichts wiederholen. Das wurde schon ausführlich behandelt und ändert sich nicht wesentlich, egal wo die Eignungskontrolle erfolgt.

Aber auf die Eignung von Anschlagsgeschirren, Ladehilfsmitteln und Arbeitsbedingungen möchte ich eingehen.


Zunächst zu Arbeitsbedingungen:

"Akkord, Pensum, Fertig-Feierabend oder Anschluss" sind Begriffe aus dem Hafenalltag, aus denen oft Warenschäden generell, also auch beim Stahlumschlag, resultieren. Für den Besichtiger ein Anlass, die Umschlagsarbeiten besonders kritisch zu begleiten. Die mit diesen Begriffen einhergehende zügige Arbeitsweise veranlasst die Arbeitskräfte gelegentlich zu flüchtigem und somit schadensträchtigem Arbeiten.

An Hilfsmitteln zum Handling von Stahl ist hier in nordeuropäischen Häfen eigentlich alles verfügbar. Einfache und aufwändige Anschlagmittel sind vorhanden und sollte ein Gabelstapler nicht ausreichen um die Last zu heben, dann ist schnell ein zweiter oder ein größerer zur Hand. Eigentlich gute Voraussetzungen, nur im Detail steckt manchmal das Risiko einer Beschädigung.

Das am häufigsten benutzte Anschlagmittel für Stahl sind Ketten. Sie sind am meisten widerstandsfähig gegen die schweren und rauen Begleitumstände beim Umschlag von Stahl. Dass es nur kurzgliedrige Ketten sein dürfen, das schreiben einschlägige Unfallverhütungsvorschriften vor. Aber bei welchen Stahlprodukten der Einsatz von Ketten aus Gründen möglicher Beschädigungen seine Grenzen findet, das bleibt dem Hafenarbeiter oder der Schiffsbesatzung vorbehalten. Manchmal muss hier ein Außenstehender beratend eingreifen.

Beim Einsatz von Ketten werden Bleche oft nur im Hängegang bewegt. Offene Blechklauen habe ich glücklicherweise lange nicht mehr im Einsatz erlebt. Diese beiden besonders unfallträchtigen Arten der Handhabung sollten besser ganz unterbleiben. Ein Erlebnis aus meiner Junggradzeit verursacht mir auch nach mehr als 30 Jahren noch heute eine kräftige Gänsehaut….

Für die kaltgewalzten und empfindlichen Produkte sind besondere Anschlagmittel konstruiert worden. Allerdings kann es nicht Aufgabe eines Inspekteurs sein, z. B. die sichere Funktion einer Coilzange zu überprüfen – kann er im Zweifelsfall auch gar nicht. Aber Coilzangen, die augenscheinlich Oberflächenschäden verursachen, die kann er erkennen und für deren Austausch sorgen.

Ein besonderes Augenmerk wäre darauf zu richten, dass bei Plattenklammern nur gleichgroße Platten gegriffen werden dürfen. Blechtafeln, ihn nicht von allen Klammern erfasst werden können, sind einzeln umzuschlagen.

Ein beachtenswertes Detail bei der Nutzung von Drahtseilgeflecht (Gurte) zum Coilumschlag sei ihr erwähnt:

Diese Gurte weisen ein gewisses Maß an Reck auf. Sie sind also elastisch und können sich unter Last längen, ziehen sich bei Entlastung wieder zusammen. Wenn nun an den Coils die Stirnseitenabdeckungen über die Auskleidung des Coilauges geht, dann wird diese Kante zunächst beim Straffen des Gurtes angepresst. Eine große Reibkraft entsteht. Wenn nun bei weiterer Anspannung bis zum Anheben der Gurt " langgezogen" wird, dann zieht diese Längenzunahme die Ronde aus dem Coilauge heraus. Die Folge ist, dass an dieser Stelle die Verpackung beschädigt ist und das Packgut nur noch eingeschränkt geschützt wird. Abhilfe kann hier durch den Einsatz von C-Haken geschaffen werden. Derart verpackte Coils müssen also als ungeeignet für den Umschlag mit Gurten – oder umgekehrt, die Gurte als ungeeignet für derartige Coils – erkannt werden.

Gabelstapler mit Coildorn sind optimale Flurförderfahrzeuge für solche Ladungen. Keinesfalls aber dürfen normale Stapler mit eckigen Gabelzinken zum Heben von Coils eingesetzt werden. Auch wenn beide Gabeln dicht zusammengeschoben werden, bleiben doch Kanten, die das Coilauge beschädigen. Gewölbte Gabelaufsätze können einen Behelf darstellen.

Beim Bewegen von Blechtafeln reicht oft die Zinkenlänge nicht weit genug darunter. Dann sind Aufsteckschuhe zu verwenden die so lang sind, dass sie wenigstens 2/3 der Plattenbreite unterstützen.

Beim Kranen und Staplertransport ist deutlich ein Durchbiegen von Blechen zu beobachten. Dieses ist unbedenklich solange es sich im elastischen Bereich abspielt. Plastische Verformungen – auch Verbiegungen genannt – sind bleibend und stellen einen Schaden dar.

Deshalb ist beim Stapeln darauf zu achten, dass Unterlegehölzer vertikal übereinander fluchten. Ist es nicht der Fall, so werden z. B. Bleche durch den Stapeldruck bleibend verbogen, vielleicht sogar geknickt. Auch beim Stapeln im Verband, wenn also Freiräume unterer Lagen mit Blechen überdeckt werden, muss diese Stapelflucht eingehalten werden.

Ladungssicherungselemente – z. B. Überspannungen – müssen ebenfalls in Bereichen verlaufen, in denen der von ihnen ausgeübte Druck von den vertikalen Stapelfluchten aufgenommen und übertragen werden kann.


Einige Worte zum hiesigen Wetter:

Nicht umsonst hat man hier und dort Plätze für Stahlumschlag und Lagerung überdacht. Sogar Schiffe können unter Dach be- oder entladen werden. Sie werden nachher Gelegenheit zur Besichtigung einer solchen Anlage haben.

Denn Regen und Schnee sind nicht besonders förderlich für Stahl. Besonders im Seehafen beinhalten die Niederschläge oft Seesalz und z. B. hier in Duisburg sind es die Inhaltsstoffe aus der Industrieatmosphäre, die mit dem Wasser an den Stahl gelangen können. Schlagwort dazu ist "saurer Regen", eine schwache Schwefelsäure, die am Stahl zehrt. Diese Säure bildet sich, wenn schwefelhaltiger Dieselkraftstoff oder Heizöl genutzt werden und deren Abgase sich mit Niederschlägen verbinden.

Be- oder Endladearbeiten unter freiem Himmel sollten daher bei Regen oder Schneefall unterbrochen und die Laderäume abgedeckt werden. Und schon gar nicht sollte im Winter ein (Salz-) Streudienst am Umschlagplatz gegen Eisbildung aktiv werden.

Temperaturunterschiede während des Transportes können zu Schäden führen, wenn sich an Stahl Kondenswasser bilden kann. Ein interessanter Schadenfall in diesem Zusammenhang bot mir kürzlich den Anlass, darüber einmal nachzurechnen und Vorschläge zur Abhilfe zu schaffen. Coils mit einem durchschnittlichen Gewicht von rund 35 Tonnen kamen während des Winters bei innerdeutschen Transporten per Bahn dadurch zu Schaden, weil sie unterwegs auskühlten und beim Einlagern am Bestimmungsort durch Kondensat benetzt wurden, dieses zwischen die Wickellagen geriet (Kapillarkraft) und an den ungeschützten Blechen für Rost sorgte.

Besonderen Stahlprodukten ist je nach Empfindlichkeit selbstverständlich besonderes Augenmerk zu widmen. So hatte ich einmal die Verpackung von Spannbeton-Armierungsstäben zu begutachten. Solche Stäbe werden an der Baustelle auf hydraulischem Wege "langgezogen" und dann mit Beton vergossen. Wenn dieser abgebunden hat, also fest geworden ist, wird die Zugkraft wieder abgebaut und ein besonderes Bauwerk entsteht.

Kerben oder Rostnarben an den Stäben führen dazu dass sie bereits beim Spannen reißen, die Arbeiten behindern und vielleicht gar Personenschäden verursachen. Noch dramatischer wird es aber, wenn das Bauwerk wegen eines später eintretenden Armierungsbruches einstürzt (Berliner Kongresshalle).

Zur Vermeidung von derart risikoreichen Oberflächenverletzungen an diesem Material ist auf einen beanspruchungsgerechten Aufbau einer geeigneten Verpackung und auf adäquate Handhabung zu achten.

Gleiche Bedingungen hatte ich zu berücksichtigen, als es darum ging, Drahtringe zu verladen, aus denen später die Tragseile für eine Hängebrücke entstehen sollten. Dieses Material war oberflächenbeschichtet und überhaupt sehr empfindlich. Deswegen und im Hinblick auf den Verwendungszweck war die Eingangskontrolle beim Empfänger besonders kritisch.


Nächster Punkt sei Stabstahl:

Ob Winkeleisen, I-Träger, Moniereisen, Bahnschienen oder Rohre, alle diese Stäbe sind im Schiff grundsätzlich längsschiffs zu stauen. Bunde solchen Materials können nicht stramm genug zusammengeschnürt werden, als dass nicht an einzelne Stäbe ausschießen könnten. Liegen solche Bunde querschiffs, dann besteht das Risiko, dass solch ein einzelner Stab beim Überholen des Schiffes (Neigung zur Seite) die Außenhaut punktiert. Mehr oder weniger starker Wassereinbruch wäre die Folge. Der Dampfer muss deswegen nicht gleich untergehen, aber eine vollgelaufene Stahlluke bedeutet schwerste Schäden an der Ladung.

Unterlegehölzer direkt auf der Tankdecke müssen oberhalb von Bodenwrangen platziert werden. Sonst kann das Gewicht des Stapels die Tankdecke eindrücken.

Zu dünne Unterlegehölzer zwischen den Stahlbündeln brechen häufig. Daher könnten Sie auch gleich weggelassen werden. Es muss allerdings dann ein anderer Weg zum Anschlagen gefunden werden.

Vorgeschlungene Bunde, also solche, bei denen die Anschlagsmittel (Stroppen) nach dem Laden nicht herausgezogen werden, wären das Optimum. Leider erscheint dieser Aufwand vielen Ladungsbeteiligten aber zu groß. Deshalb wird bei der Entladung noch oft das Prinzip des "Aufstehen lassen" praktiziert. Dabei wird mit einem kurzen Stropp so ein Bund an einem Ende angehoben, bis man in geeignetem Abstand vom Ende das eigentliche Anschlagmittel herumnehmen kann. Danach wird das Ende wieder abgelassen und einer anderen Seite passiert das gleiche.

Die Gefahr für die Arbeitskräfte und für die Ladung besteht darin, dass zum Aufstehen nur wenige Profile von dem kurzen Stropp erfasst werden, oder dass es solche aus dem oberen Bereich des Bündels sind. Einzelne Profilenden verbiegen, die Last rutscht ab und fällt zurück oder beim Anheben an den oben liegenden Stäben platzt die Bebänderung und das Bund fällt auseinander. Es muss also beim "Aufstehen lassen" immer ein möglichst großer Anteil eines Bündels erfasst werden.

Meine Damen und Herren, dieses sei der kleine Überblick über Details beim Stahlumschlag, den ich Ihnen vermitteln wollte. Es gibt noch viele weitere Aspekte, die bedacht und berücksichtigt werden müssen. Aber derartige Einzelheiten würden den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen. Außerdem will ich ja aus Ihnen keine Sachverständigen für Stahlladungen und mich letztendlich dadurch brotlos machen.

Ich danke zunächst für ihre Aufmerksamkeit und darf Sie bitten, mir Fragen zu stellen, falls ich fälschlicherweise etwas als bekannt vorausgesetzt oder zu sehr "fachchinesisch" geredet habe.

Erftstadt, im März 2000

Peter Aniol


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